Giro di Sicilia 2015
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GIRO DI SICILIA – ein Erlebnisbericht
„Non capisco niente“ – ich konnte mit dem Redeschwall im sizilianischen Dialekt
nichts anfangen, den mir ein älterer Mann vor dem Teatro Massimo in Palermo
entgegenschleuderte, nachdem ich das Auto auf einem gebührenpflichtigen
Parkplatz abgestellt hatte.
Zur Verdeutlichung seines Anliegens winkte der Alte einen in der Nähe Stehenden
heran, der - einheimisch – sofort wusste, worum es ging. „This man will take care of
your car“ meinte er und stellte sich als commissario mit Dienstmarke vor. „You give
him a little money, when you come back to the car“. Ehrliche Gauner also – keine
Vorauskassa.
Das war mein erster Eindruck von Sizilien, nachem ich über Nacht mit der Fähre von
Neapel im Hafen angekommen war und zum Teatro Massimo zur Abnahme des
„Giro di Sicilia“ fuhr.
Begonnen hatte die Sache einige Monate zuvor. Oti Wacek schwärmte schon
geraume Zeit von der Targa Florio, die als Oldtimer-Veranstaltung auf Sizilien
wiederbelebt worden war und an der man doch teilnehmen sollte.
Die historische Targa Florio ist aber eine „scharfe“ Rallye auf dem Kurs der kleinen
Madonien rund um Cerda.
Für die Gleichgültigen gibt es seit 25 Jahren den „Giro di Sicilia“, der nahezu die
gesamte Insel umrundet und fast 1.000 km Steckenlänge zu bieten hat.
Zunächst gab es reges Interesse in der Scuderia Autostoriche Salisburgo, daran
teilzunehmen. Schließlich kristallisierten sich 5 Teams mit ernsthaftem Startwunsch
heraus, nämlich Otmar Wacek/Roswitha Stöllner, Sabine Stranzinger/Herbert
Stranzinger, Matthäus Russegger/Elisabeth Russegger, Peter Pretsch/Brigitte
Pretsch und Herbert Margreiter mit der besten Beifahrerin von allen.
Oti hatte die undankbare Aufgabe übernommen, Kontakte zu knüpfen, die
Nennunterlagen zu besorgen und Fährverbindungen und Hotels zu organisieren.
Besonderes Augenmerk galt der Fahrzeugauswahl. Oti und ich wollten zunächst mit
unseren Peugeots starten. Nachdem italienische Doppelvergaser aber fast jede
Vespawerkstatt reparieren kann, würde die Kugelfischer-Einspritzung, sollte sie
einmal nicht funktionieren, für ein Ende des Abenteuers bereits auf der Anreise
sorgen.
So entschieden wir uns für Alfa Romeo. Oti wählte den frisch restaurierten GT 1750
Veloce, ich nahm den Fastback-Spider. Das Team Stranzinger schickte den grünen
MG C Roadster ins Rennen; Russeggers vertrauten dem Porsche 944. Das Team
Pretsch schließlich setzte die Alfetta GTV 2000 im unvergleichlichen giallo piper ein.
Die Anreise gestaltete sich problemlos. Während die anderen mit der Fähre aus
Genua nach Palermo schifften, fuhren wir bis Neapel und nahmen von dort aus Kurs
auf die sizilianische Hauptstadt.
Die Veranstaltung startete am Donnerstag, den 4. Juni um 20.00 Uhr mitten in
Palermo, zuvor gab es einen kleinen Imbiss. Im Roadbook waren zwar
Etappenzeiten und für den Fall der Überschreitung auch Strafpunkte vorgesehen,
beim Start erklärte man uns aber, dass das egal sei – wichtig war nur, dass man die
über 80 Schlauchprüfungen absolvierte und alle Passierkontrollen anfuhr.
So ging es hinaus aus der Stadt; an jeder Kreuzung Polizei, die uns anfeuernd
durchwinkte.
Das Finden der richtigen Strecke wurde durch entsprechende Hinweisschilder an
neuralgischen Punkten erleichtert, oder anders ausgedrückt – verfahren konnte sich
nur ein Trottel.
Die erste Etappe führte uns in der Nacht bis Campobello di Mazara im Südwesten
der Insel. Die Schläuche platzierte man unterwegs inmitten der Ortschaften – wie
auch in den nächsten Tagen.
Tags darauf ging es bei prachtvollem Wetter weiter. Das Verkehrsaufkommen war
gering, die Sympathie der Leute am Straßenrand groß. Jede Passierkontrolle, die
über enge Gassen in den Ortszentren zu erreichen war, glich einem Volksfest; am
Schluss in Cerda sogar mit einer Blasmusikkapelle.
Dass auch Enna, das „Autodromo di Pergusa“, zur Strecke zählte, bereitete mir
große Vorfreude. Die Antwort auf die Anfrage Otis an den Veranstalter im Vorfeld, ob
wir einen Helm benötigen, hätte mir zu Denken geben sollen: „Es ist egal, was Ihr
anzieht.“ – so war es auch: Wir durften nicht unsere Runden ziehen, nein, man
verlegte unzählige Schläuche, die in bewährter Weise mit einem Schnitt zwischen 20
und 30 km/h zu passieren waren, und nach einer Runde war der Spass auch schon
zu Ende.
Ähnlich verfuhr man bei der Auffahrt zum Ätna, die uns immerhin auf knapp 1.900
Meter Seehöhe führte.
Nächtigungen und Mahlzeiten waren vom Nenngeld umfasst. Die Speisen und
Getränke italienisch perfekt; die Unterbringung in den Hotels unitalienisch präzis.
Überhaupt gab es an der Organisation wenig auszusetzen.
Der Ausländeranteil am Giro ist eher verschwindend. Das hängt sicher auch mit der
Aufgabenstellung zusammen: Wenn ein Italiener bei einer Schlauchprüfung 2/100
Sekunden danebenliegt, ist er selbstmordgefährdet. Entsprechend ist auch die
Ausstattung der Autos – Elektronik, wohin das Auge blickt, selbst im Vorkriegs-
Lancia Aprilia. Scheinbar walkman-bestückte Fahrer, die aber nicht Gianna Nannini
hören, sondern sich vorprogrammiert zum Schlauch piepsen lassen!
Dafür wird auf den Verbindungsetappen sehr moderat gefahren. Nicht nur einmal
warteten wir trotz mittlerer Startnummer an der Zeitkontrolle, bis diese aufgebaut war.
Nach Tagesetappenzielen in Pergusa (Freitag) und Milazzo (Samstag) endete die
Rallye am Sonntagmittag in Cerda, dem klassischen Start- und Zielort der Targa
Florio.
Bei der anschließenden Siegerehrung konnten wir noch die Vorspeise
hinunterwürgen, ehe wir uns auf den Weg zur Fähre nach Palermo machen mussten,
die uns über Nacht nach Civitavecchia trug. Von dort ging´s am Montag auf der
Autostrada nach Hause, natürlich nicht ohne Pause beim Schuhgeschäft in Udine
(die beste Beifahrerin, you know...).
Einige Tage darauf konnte man im Internet die Ergebnisse lesen. Trotz lautstark
bekundeter Aversion gegen sichtbare Messstellen im Allgemeinen und
Schlauchprüfungen im Besonderen (...wenn Du ihn spürst, ist es eh´schon zu
spät...), waren wir als 34. von 156 Startern „best of Salzburg“, was wir allen, die es
nicht hören wollten, auch unter die Nase rieben – aber Bescheidenheit ist ja
bekanntlich die höchste Form der Arroganz.
Herbert Margreiter