Giro di Sicilia 2016
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Vicenzo Florio:"Liebe Freunde! Ihr wisst jetzt meine Absichten um die Zukunft der Targa Florio.
Ich habe gerade beschlossen sie als Rundrennen um unsere Insel gehen zu lassen
Es gibt nun eine neue Targa Florio, die wir Giro di Sicilia nennen werden.
Die Begeisterung der Sizilianer für equipaggi storiche im Allgemeinen und für die Giro di Sicilia im
Besonderen sucht ihresgleichen bei vergleichbaren europäischen Veranstaltungen. Nicht zuletzt
deswegen begaben wir uns auch dieses Jahr wieder auf die Spuren der berühmten Targa Florio.
Bereits in der Vorankündigung auf der Hompage des Veranstalters, des Veteran Car Clubs
Panormus (www.girodisicilia.it) konnte man sich einen beeindruckenden Überblick über die
160 Teilnehmerfahrzeuge verschaffen. Die Scuderia war mit dem Teams Hannes und Beatrix Erfurth
auf Volvo 122 S, Bj. 1969, verstärkt um das Team Erhard und Christoph Behensky auf
Mercedes 450 SL, Bj. 1976, und uns, Oti Wacek und mir auf Porsche 924 Turbo, Bj. 1980,vertreten.
Wir waren als offensichtlich einzige Österreicher übrigens nicht die weitest angereisten Teilnehmer.
Wenn eine Nation keine Distanzen scheut, um ihren Kolonialgeist gepaart mit automobilem
Traditionsbewusstsein auszuleben, dann sind das die Briten! Und wenn man abgesehen von der
Anreise mit einer nicht zu übertreffenden Gelassenheit mit Fahrzeugen wie einem Amilcar C6,
Bj. 1926, oder einen Maserati Tipo 26, Bj. 1928, an einem 4-tägigen Bewerb mit einer Strecke von
rund 900 km teilnimmt, dann sind das Schweizer.n bewährter Weise wählten wir die Anreise auf
Achse mit einem Zwischenstopp am Gardasee. Als Hannes nächtens in Lazise plötzlich den
Ganghebel losgelöst vom restlichen Fahrzeug in Händen hielt, verhieß das nichts Gutes. Angesichts
der noch bevorstehenden technischen Herausforderungen (die NICHT den Volvo betrafen) war dieses
Problem völlig belanglos; Hannes als versierter Volvokenner befestigte den Ganghebel ein für alle Mal wieder dort, wo er hin gehörte.
Wir konnten also alle am 31.05. mit der Fähre von Genua nach Palermo ablegen.
Nach einer Übernachtung in Palermo fanden wir uns am 02.06. vormittags zur Verifiche sportive ein.
Nach Übernahme der 4 Roadbooks, Startnummern, Poloshirts und Flatcaps (selbstverständlich in
passender Größe) wurden wir zur Startaufstellung eskortiert. Im Hinblick auf den Start des ersten
Fahrzeuges um 20.00 Uhr hatten wir genug Zeit bei einer Hop-on-hop-off-Busrundfahrt mit
Audioguide Palermo „auf die Schnelle“ zu erkunden und uns später im Garten des Teatro Massimo
am Buffet mit sizilianischen Spezialitäten für die Nachtetappe zu stärken.
In der Zwischenzeit hatte sich die Via della Libertà nicht nur mit den Teilnehmerfahrzeugen gefüllt,
sondern auch mit tausenden von Schaulustigen. Als letztes unserer drei Teams starteten wir um
21.15 Uhr. Unsere offizielle Startzeit war 21.36 Uhr – man hatte uns also einen Zeitvorsprung
eingeräumt – und „jagte“ uns hinein ins nächtliche Palermo. Vor uns lagen eine Nacht und drei Tage
mit 4 Etappen, 8 Zeitkontrollen, 15 Passierkontrollen und 103 Schlauchprüfungen auf 852 km rund
um die Insel.
Unsere vorgegebene Ankunftszeit für die erste Etappe war 01.13 Uhr auf der Piazza Municipio in
Marsala im Westen der Insel. Dazwischen lagen 2 Sonderprüfungen mit 10 und 7 Schläuchen und
3 Passierkontrollen – Müdigkeit konnte also nicht aufkommen. Schlauchprüfungen der italienischen
Art können mit jeglichem elektronischen Equipment bestritten werden. Unsereiner hantiert mit banalen
digitalen (immerhin!) Stoppuhren und zählt die Zeitvorgaben für die hintereinander liegenden
Schläuche hinauf. Das funktioniert auch, vorausgesetzt die Stoppuhr läuft, wenn man sie beim
Überfahren des ersten Schlauches gedrückt hat … sonst kann einem die Laune schon bei der ersten
Schlauchprüfung verdorben werden. Eigentlich wüssten wir’s ja: immer zwei Stoppuhren drücken.
Beate startete zwei Stoppuhren; aber Hannes schaffte es sämtliche Schläuche der ersten
Sonderprüfung hinter sich gebracht zu haben, während Beate noch mit dem zählen zu den letzten
beiden Schläuchen beschäftigt war. Und so waren uns die absoluten Newcomer in der Szene,
Erhard und Christoph, schon am ersten Tag punktemäßig voraus. Die Stimmung in unserem
Cockpit hob sich merklich, als wir wieder zu einer dieser unvergleichlichen sizilianischen
Passierkontrollen kamen: Volksfeststimmung, Musik, hunderte Schaulustige, Begrüßung jedes
einzelnen Teams und Geschenke (in den 4 Tagen sammelten sich nebst Marmeladen, Olivenöl,
Keksen u.a. 5 Flaschen Wein an). Wenn nicht im Rückspiegel die Konkurrenten Schlange stünden
wollte man glatt aussteigen und mitfeiern – bei 20°C um Mitternacht. Als wir am Etappenziel in
unsere laufende Ankunftsminute einfahren wollten, wurden wir nur vom marsalischen Begrüßungs-
komitee aufgehalten, das uns zwei Becher Marsala durch die geöffneten Fenster reichte … die
laufende Minute war dahin. Im Hotel angekommen war an Schlaf nicht zu denken – eine Flasche
der sizilianischen Geschenke musste geköpft werden. Wenn das erste Fahrzeug zur zweiten
Etappe um 09.00 Uhr zu starten hatte, wäre unsere Startzeit erst um etwa 10.15 Uhr und ein
bisschen Schlaf brauchten wir schon noch.
Als wir um 10.00 Uhr – gemeinsam mit Amilcar C6, Bj. 1926, und Maserati Tipo 26, Bj. 1928 – auf
der Piazza della Repubblica auf der Suche nach dem Startpunkt unsere Kreise zogen, wurde uns
vom Schlussfahrzeug des Organisators angedeutet, dass der Startpunkt bereits abgebaut worden
war. Nun hieß es Gas geben. Nach rund 90 km bei Außentemperaturen um die 30°C und mehr
Stop- als Go-Verkehr in Sciacca hatte sich unsere Motorkühlung verabschiedet – wir kochten. Da
halfen auch die rührenden Hilfeangebote sizilianischer Hausfrauen auf ihrem Nachhauseweg vom
Einkauf nichts, es hieß abwarten. Zur Passierkontrolle war es nicht weit, die schafften wir noch nach
einer längeren Abkühlzeit, um danach neuerlich abzukühlen und die Mittagspause in einer örtlichen
Hinterhofwerkstatt zu verbringen. Ratloserweise (ist eben kein Fiat) waren die Kabelstecker zum
Ventilator verschmort und die Sicherungen brandheiß. Der dortige Werkstattinhaber konnte das
Problem im Wesentlichen beheben. Mit Austausch-Sicherungen ausgestattet machten wir uns
wieder auf den Weg direkt zur nächsten Schlauchprüfung auf der Rennstrecke Autodromo Valle
dei Templi, die auch die Konkurrenten nach ihrem verdienten Mittagessen ansteuerten. Die 18
Schläuche brachten wir problemlos hinter uns, auch jene in den nächsten beiden Tagen, in denen
wir nebenbei versuchten, uns mit Sicherungen einzudecken, die wir von Zeit zu Zeit austauschen
mussten. Nichts desto trotz genossen wir die herrliche Landschaft auf den Etappen und konnten
auch die eine oder andere Espresso-Pause unterbringen. Die Herzlichkeit der Sizilianer, mit der
wir überall empfangen wurden, die Schulklassen, die am Samstag in einer Ortsdurchfahrt
Aufstellung genommen hatten und uns anfeuerten, obwohl sie einen unendlichen Stau verursachten
oder die entzückenden Bergdörfer, durch die uns unser Roadbook führte, ließen die technischen
Schattenseiten in den Hintergrund rücken. Es gibt wohl keine faszinierendere Art die Besonder-
heiten Siziliens und ihrer Bewohner (nicht zu vergessen die außergewöhnliche sizilianische Küche!)
in so kurzer Zeit kennen zu lernen als bei dieser Veranstaltung. Als wir auf der letzten Etappe der
Strada del grande circuito Targa Florio folgten, hatten wir unsere Kühlerprobleme voll im Griff.
Kaum Gegenverkehr konnten wir die grande Madonie auch richtig auskosten – unserem Motor
hatte starker Fahrtwind ohnehin nie geschadet. Letztlich kamen uns die 852 km gar nicht so weit
vor und die vier Tage waren viel zu schnell vergangen. Dass wir trotz aller Widrigkeiten Platz 27 in
der Gesamtwertung erreichten bei einem baujahrabhängigen Koeffizienten von 1,8 und damit das
beste ausländische Team wurden, freut uns umso mehr. Auf Platz 47 fuhren Hannes und Beate.
Erhard und Christoph kamen auf Platz 84, die die letzte Etappe wegen eines Achsschadens nicht
beenden konnten. Den ersten Platz belegte übrigens ein Lancia Aurelia B20, Bj 1958.

Der Präsident des VCC Panormus, Nino Auccello, in einem Interview für Palermo Today: „Die
Gastfreundschaft der Gemeinden und die Herzlichkeit der Menschen neben dem unbestreitbaren
historischen und sportlichen Wert der Veranstaltung sind Elemente, die bestätigen, wieviel Anteil
an der sizilianischen DNA die Liebe zu Motoren hat.“

Wir hatten schon vorher beschlossen, nächstes Jahr wieder teilzunehmen.
Roswitha Stöllner, Co-Pilota